Mein Weg führte auch dieses Mal durch eine selbstbestimmte und fühlende Schwangerschaft. Dieses Mal habe ich mich gar nicht von außen begleiten lassen, sondern ganz genau gespürt, dass alles seinen natürlichen und vorgesehenen Weg geht. Es gab für mich keine Notwendigkeit mein Gefühl überprüfen zu lassen. Die Verbindung zu meinem Körper und dem heranwachsenden Kind war sehr stark, wenn auch ganz anders wahrnehmbar, als während der ersten Schwangerschaft. Diese Andersartigkeit verunsicherte mich eine Weile und ich interpretierte sie dahingehend, dass ich irgendwie Schwierigkeiten hatte, in dieser zweiten Schwangerschaft anzukommen. Doch allmählich begann ich zu verstehen, dass dieses Wesen eine ganz andere Weise hatte, zu mir zu »sprechen«, dass sein Wesen eine ganz andere Energie verkörpert, als das unserer Tochter. (Sie hatte ich vom ersten Moment der Schöpfung sehr intensiv und präsent wahrgenommen). Dieses zweite Kind spürte ich als viel zurückhaltender, ruhiger und noch sanfter im Gemüt. So durfte ich lernen, ganz anders hinzuhorchen; Viel offener für die vielfältigen Wege der Kommunikation zu sein.
Unsere Tochter war an diesem Abend, für ihre Verhältnisse, früh eingeschlafen. So stieg ich am Abend mit meinem Mann in ein warmes Bad. Das war fünf Stunden vor der Geburt unseres Sohnes. Doch ahnte ich noch nicht, welchen Verlauf die Nacht nehmen würde. Eigentlich glaubte ich sogar, dass die Geburt noch ein, zwei Wochen auf sich warten lassen würde.
(Auch hier zeigte sich ein ganz anders Empfinden im Vergleich zur ersten Geburt. Damals spürte ich am späten Abend, dass es nun Zeit würde den geplanten Geburtstagskuchen zu backen. Seit Monaten sprach ich davon, dass ich diesen Kuchen backen würde, wenn ich den Geburtsbeginn wahrnehmen würde. Und so bug ich vor dem zu Bett gehen noch einen Schoko-Bananen-Nuss-Kuchen, damit ich, wenn ich unser erstes Kind nach der Geburt im Arm halten würde, ein köstliches Stück Kuchen würde genießen können. Als mein Mann mich zu der späten Stunde mit Schüssel und Waage hantieren sah, sagte er überrascht: »Ach, sie backt Kuchen!« …er wusste was das bedeutete. Das war übrigens ein hervorragender Plan, über dessen gelingen ich bis heute froh bin 🙂 ).
Zurück zu diesem Abend in der Wanne: wir genossen die Ruhe und Entspannung sehr, denn die vergangenen Wochen waren sehr turbulent gewesen. Wir sprachen noch über den ein oder anderen Geburtswunsch, doch beide in der Annahme, es könnte noch eine Weile dauern.
Wohlig warm stieg ich gegen Mitternacht ins Bett.
Schon bald wurde ich wach, mit deutlichen Wellen und dem Gefühl, dass sich das Kind auf den Weg nach unten begibt. Mein Bauch hatte sich bis dahin kaum gesenkt, der Geburtszeitraum war seit ein paar Tagen erreicht, so dass ich es für angemessen hielt, dass sich nun alles langsam weitet und »eine Etage tiefer« rutscht. Ich gab den Wellen Raum. Mein inneres Bild war, nach oben zu atmen, um die Muskeln meiner Gebärmutter sanft und geschmeidig nach oben zu ziehen, damit sich der Muttermund leicht weiten und öffnen könne. Doch dies noch gar nicht in der Annahme, dass er sich nun tatsächlich öffnen würde. Ich sah es als Übung in diesen Atem zu gehen, denn auch Übungswellen hatte ich in dieser Schwangerschaft bis dahin kaum welche verspürt. Und damals, in der ersten Schwangerschaft, kündigten sich die ersten Geburtsanzeichen etwa zwei Wochen vor der Geburt an… so passte für mich auch diesmal alles zusammen.
Irgendwann wurde ich wach, weil ich Pipi musste. Ich ging hinaus in den Garten. Trotz der milden Sommertemperaturen überkam mich auf einmal eine Kältewelle. Ich fror, als ob ich im Schnee stehen würde und begann unglaublich zu zittern. Ich ging wieder hinein und kuschelte mich, immer noch schlotternd und bebend vor Kälte, an meinem Mann, der ganz überrascht war und mich warm rubbelte. Daraufhin fiel ich in einen Traum: gemeinsam mit meiner Tochter stand ich in einer Schneelandschaft. Über uns blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Ein Eisvogel schwebte an uns vorbei, den wir mit unseren Blicken verfolgten. Auf einmal verspürte ich den Wunsch hier weg zu wollen und sah dankbar ein Auto näher kommen. Doch statt es anzuhalten, ließ ich es vorbei fahren und wunderte mich nur, wie ich denn hier wohl wieder weg kommen sollte. Ich hatte das Gefühl in der Ferne auf einen kleinen dunkelhaarigen Hund zu warten. Doch statt dieses kleinen Hundes, zeigte sich plötzlich ein großer weißer Hund, der schnell auf mich zu gerannt kam. Ich verspürte ein mulmiges Gefühl, doch blieb dennoch stehen. Ich sah ein weiteres Auto auf uns zukommen. Diesmal würde ich es anhalten. Der Hund kam ruhig neben mir zum stehen, setze sich wartend und ich verstand, auch er wollte hier weg. So bat ich den Fahrer uns alle mitzunehmen. Er gewährte uns Platz auf der Rückbank zu nehmen. Traumende.
Ich erwachte mit einer weiteren Welle. Und während ich diese veratmete erinnerte ich mich kurz an den Hund. Nach der Welle dachte ich »Merkwürdig, ich bin gar kein Hundemensch«. Ich hatte kaum Gelegenheit mir weitere Gedanken zu machen, denn meine Tochter erwachte weinend und wollte etwas trinken. Während ich sie in den Schlaf streichelte, kam die nächste Welle. Und die nächste… »Puhh, gleichzeitig ein Kind in den Schlaf begleiten und veratmen ist ganz schön herausfordernd«, dachte ich. Doch ich genoß die Übung ganz ruhig und entspannt bleiben zu müssen, denn ich wollte sie nicht wieder wecken. Als ich sicher war, dass sie schlief, nach einer weiteren Welle beschloss ich aufzustehen, um den Abstand der Wellen mit der Uhr zu verfolgen. Ich sagte meinem Mann Bescheid und er meinte ich solle Bescheid sagen, wenn er mich brauchte.
Unten angekommen spürte ich zwei weitere Wellen. Ich hing mich in mein Yogatuch und kreiste das Becken. Sie waren kräftig und ich tönte leise mit. Dann spürte ich den Drang aufs Klo zu gehen. Auf dem Weg ins Bad stellte ich mir eine warme Brühe auf den Herd. Ich konnte sie gerade rechtzeitig wieder vom Herd nehmen, als ich die nächste Welle spürte. Da kam mir erstmals in den Sinn in die Stille und in mich hinein zu fragen, ob »du etwa heute auf der Erde ankommen möchtest?« Ich empfing ein klares »Ja!« Das überraschte mich irgendwie, doch ich wusste, dass ich mich dann nun öffnen sollte. So sand ich den Gedanken in mich hinein, dass sich nun also der Geburtsweg öffnen dürfe und ich bereit sei diesem Kind den Weg auf die Erde zu ermöglichen.
Ich ging in die Küche um meine Kraftbrühe zu trinken, da kam die nächste – die erste Geburtswelle. Ich vernahm deutlich, wie der Druck auf einmal nach unten schob und sich meine Atmung automatisch anpasste. Ich trank meine Brühe und wollte wieder zum Tuch, wurde auf halber Strecke aber erneut von einer Welle gepackt. Ich sprang auf und atmete nach unten. Ich hörte die Stimme meines Mannes: »soll ich runter kommen?« In dem Moment öffnete sich die Fruchtblase und warmes Wasser ergoss sich über meiner Hand. »Ja, du solltest jetzt kommen«, konnte ich gerade noch antworten, bevor es mich wieder zur Toilette zog. Im sitzen spürte ich eine weitere Welle. Ich fühlte und rief meinem Mann, der gerade auf der Treppe zu hören war zu »ich kann das Köpfchen fühlen«. Er beeilte sich zu mir zu kommen und kam gerade noch rechtzeitig, denn im Moment seines Eintreffens gebar sich der Kopf. Halb hockend, halb stehend, etwas überrascht und voller Euphorie stand ich im fast dunklen Badezimmer. Der Lichtschein aus der Küche war gerade hell genug, um die Drehung des Köpfchens zu sehen. Welch ein Wunder! Ich hatte mir sehr gewünscht das Kind dieses mal selbst in Empfang zu nehmen und es in meinen Händen haltend hinaus zu begleiten. Eine weitere Welle, der kleine Engel glitt sanft in meine Hände. Ich nahm ihn an mein Herz, meine Hände hielten das zarte wunderhafte Wesen. Mein Mann schaute uns an und begann vor Freude zu weinen.
Eine halbe Stunde war vergangen, seit ich aufgestanden war. So entschlossen jetzt auf die Welt zu kommen, war der kleine Mann. Und mein Körper wirkte harmonisch und sanft darauf hin. Ich bin sehr dankbar für diese heilende Erfahrung.
Die heilsame Erfahrung besteht für mich vor allem darin, dass die weibliche Urkraft ein weiteres Mal durch mich hindurch geflossen ist beziehungsweise durch mich hindurch gewirkt hat. Dass ich über meine Vorstellungskraft hinaus und damit über eine meiner geglaubten Grenzen hinaus gewachsen bin. Diese Urkraft, die es für uns Frauen wiederzufinden und in der zukünftigen Zeit zu leben gilt. Geburt ist etwas vollkommen natürliches, etwas, dass seit Anbeginn aller Zeit von allen Lebewesen als leicht, sanft und in Einkehr erlebt wird. Nur wir Menschen haben leider vergessen, wie Geburt natürlicherweise stattfinden sollte (zum Glück nicht alle, und es werden wieder mehr und mehr, die sich erinnern).
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